„Unsere Welt ist schon wunderlich genug“
Die österreichische Autorin Marlen Mairhofer begegnet einfachen Zuschreibungen von Begriffen wie „Empathie“ oder Widerstand“ mit Skepsis und Sprache an sich mit großer Sensibilität. Im Interview spricht sie über Widerstand als ambivalente Praxis, die Unmöglichkeit des Geschichtenerzählens und darüber, warum Literatur für sie vor allem eines ist: ein Arbeiten an der Sprache.
… Empathie und Widerstand:
Ich habe den Eindruck, dass Empathie gerade in Verruf gerät, während Empathielosigkeit als Stärke inszeniert wird. Eine Entwicklung, der man etwas entgegensetzen sollte. Gleichzeitig sind beide Begriffe für mich ambivalent: Empathie kann auch übergriffig sein, Widerstand belastend und widersprüchlich.
… Schreiben als Beobachtung:
Ich verstehe literarisches Schreiben weder als Verstehen noch als Widersprechen. Mich interessieren das genaue Beobachten und der Versuch, etwas, das mich beschäftigt, in Sprache zu fassen.
… die Rolle von Sprache:
Im Zentrum meiner Arbeit steht nicht das Erzählen, sondern die Sprache selbst. Über sie nähere ich mich der Welt an, gleichzeitig leistet sie mir Widerstand.
… Empathie im Schreiben:
Mit dem Gedanken, mich in andere hineinzuversetzen, bin ich vorsichtig. Mich interessiert eher, wie ich Nähe und Distanz austariere.
… Ambivalenz als Aufgabe der Literatur:
Ich glaube, Literatur kann Räume schaffen, in denen Ambivalenz möglich bleibt. Gerade jetzt halte ich das für sehr wichtig. Auch wenn ich vorsichtig bin, Literatur etwas vorzuschreiben.
… digitale Gegenwart im Text:
Digitale Gegenwart spielt in meinen Texten kaum eine Rolle. Nicht aus Prinzip, sondern weil sie mich literarisch wenig interessiert und ich sie oft als einengend erlebe.
… Aufgaben der Literatur:
Ich verfolge keine Agenda. Wenn ich gegen etwas anschreibe, dann vielleicht gegen Unaufmerksamkeit.
… Schreiben im Detail:
Im Lektorat merke ich besonders stark, worauf es in meinem Text ankommt, und worauf nicht. Oft sind es ganz kleine Dinge: ein Beistrich oder ein „und“.