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„Empathie ist nicht automatisch gut“

Sara Hassan ist Autor:in, Trainer:in und Speaker:in und arbeitet seit Jahren im Bereich der Themen Machtmissbrauch, Diskriminierung und strukturelle Gewalt mit Unternehmen, Organisationen und Vereinen. Im Interview geht es um die Gründe, warum Empathie ohne Widerstand zu kurz greift, wie Systeme Schweigen organisieren und weshalb echte Veränderung nur gemeinsam möglich ist.

Sara Hassan über …

… Empathie und Widerstand:
Empathie bedeutet für mich, Betroffenenperspektiven ernst zu nehmen und ins Zentrum zu stellen. Aber dabei darf es nicht bleiben: Ohne Widerstand verändert sich nichts. Erst wenn Verstehen und Handeln zusammenkommen, entsteht Bewegung.

… die politische Dimension von Empathie:
Empathie ist nicht privat oder neutral. Sie folgt Machtlinien: Wem glauben wir? Mit wem fühlen wir mit? Diese Entscheidungen prägen Organisationen, Karrieren und gesellschaftliche Ungleichheiten.

… warum Schweigen oft System hat:
Übergriffe und Diskriminierung sind selten Einzelfälle. Sie werden durch Strukturen ermöglicht, die Widerstand sanktionieren und Betroffene isolieren. Dass niemand einschreitet, ist oft Teil eines fein abgestimmten Systems.

… ihre Arbeit mit Organisationen:
Ich werde meist gerufen, wenn es schon brennt. In Workshops schauen wir zurück: Wo haben Grenzüberschreitungen begonnen? Welche scheinbar kleinen Momente haben das Problem aufgebaut? Zentral ist dabei immer die Perspektive der Betroffenen.

… Betroffene als „Störer:innen“:
Ein häufiges Muster ist, dass sich der Fokus vom Problem auf die Person verschiebt, die es benennt. Betroffene gelten dann als spaltend oder überempfindlich – so bleibt das System unangetastet.

… Hoffnung und Widerstand heute:
Ich sehe immer öfter, dass sich Menschen zusammenschließen und Druck aufbauen. Diese kollektiven Momente zeigen: Widerstand ist möglich – und er muss nicht heroisch sein, um wirksam zu werden.

… eine Botschaft an das Festivalpublikum:
Es lohnt sich zu fragen: Wem schenken wir fast automatisch Empathie – und wem nie? Und wo wäre Widerstand eigentlich nötig, auch wenn er unbequem ist? Genau dort beginnt Veränderung.

 

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